Der Roman „Kleine Zeiten – die Geschichte meiner Großmutter“, 2012 erschienen, leider momentan vergriffen, ist beides: eine Geschichte des 20. Jahrhunderts und ein nach allen Regeln der Kunst erzählter Roman.
Fritz Dittelbacher – der Ende Juni bei den Feierlichkeiten zu ‚50 Jahren Stadt Kirchdorf‘ aus „Kleine Zeiten“ vortrug – zeigt in diesem Text, dass er ein brillanter Historiker ist, der im Detail, im Alltäglichen, Geschichte aufspürt und sie auf bekömmliche Weise in Geschichten verpackt.
Geschichte in Geschichten, dieses Konzept ist Programm. Keine abstrakten Analysen, keine Erzählungen von den großen Ereignissen, sondern verständliche und zugängliche Beschreibung des Alltags der einfachen Leute.
Der Roman ist eine Art Familiengeschichte, die im Ersten Weltkrieg beginnt und chronologisch bis zum Tod der Großmutter im Jahr 2011 reicht. Dabei werden historische Großereignisse, Weltkriege, die Nazizeit, der Wiederaufbau gespiegelt in dem Leben der kleinen Leute. Bevorzugt der kleinen Leute auf dem Land, der Frauen, sehr oft.
Das Interesse des Autors gilt diesen „kleinen Zeiten“, der alltäglichen Mühsal, den Schicksalsschlägen und Freuden der einfachen Menschen. Sein Blick ist der von unten. Vieles spielt in dieser Gegend, Kirchdorf, Leonstein, aber auch Bad Ischl und Graz, je nachdem, wohin es die Familie gerade verschlägt. Neben dem spannenden Unterhaltungswert der Lektüre ist sie vor allem auch eines: anschaulicher Geschichtsunterricht. Eine Pflichtlektüre für alle, die wissen wollen, wie historische Ereignisse sich in die Lebensgeschichten der Menschen einschreiben. Viel Aufklärung ist hier am Werk und viel Empathie für die, die es schwer haben in dieser Welt.
Die Qualität des Textes ist neben seiner geschichtsvermittelnden Absicht auch in seinem Realismus begründet. Beschönigt und romantisiert wird hier wenig. Vielmehr sind die Menschen, wie sie sind. Ambivalent, gut, schlecht, verführbar, tapfer und feige. Es sind keine Heldengeschichten, die hier erzählt werden. Vielleicht stimmt das nicht ganz, die Liebe zur Großmutter, ihrem Wesen und den Schicksalsschlägen, die sie ertragen muss, pocht durch den ganzen Roman, das macht ihn auch zärtlich und liebevoll. Eine in jeder Hinsicht runde Sache!
Mag. Gerhard Stiftinger ist Lehrer für Deutsch und Philosophie/Psychologie am BORG/BRG Kirchdorf. Er ist Gründungsmitglied der Literarischen Nahversorger und in weiteren Kulturinitiativen im Kremstal aktiv.
Mag. Gerhard Stiftinger (l.) moderierte und sprach auch die einleitenden Worte bei der Lesung von Autor und Chefredakteur Fritz Dittlbacher Ende Juni im Kirchdorfer Rathaus. © Foto: Brunner